YodaWiki : MitAnderenAugen

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Mit anderen Augen

An manchen Tagen weiß man einfach nichts mit sich anzufangen.
An manchen Tagen scheint alles getan, was man gerne tun würde.
Und auf alles andere hat man keinen Bock.
An solchen Tagen gehe ich meist spazieren.
Einfach so, ohne ein richtiges Ziel. Einfach raus an die frische Luft.
So wie heute. Ist eigentlich ein richtig schöner Tag, aber man hat einfach nichts mehr sinnvolles zu tun und vielleicht will ich auch gar nichts sinnvolles tun. Und deswegen bin ich einfach rausgegangen. Und dann hier in den Park. Ist ein schöner Park und ich bin ganz gerne hier. Es ist Frühling aber für die Jahreszeit deutlich zu kühl. Naja, zumindest meinem Empfinden nach, aber es stört mich nicht, im Gegenteil ich mag es nicht, wenn es so richtig warm ist. Kommt man viel zu leicht ins Schwitzen. Ich gehe so durch den Park und komme an eine Bank und ich denke mir, setz' dich doch mal. Ich mache das eigentlich nicht so gern, man kommt sich immer so alt vor, wenn man da so im Park auf der Bank sitzt. Aber heute ist mir das irgendwie egal. Und ich setze mich.
Ich beobachte die Leute im Park. Ich find's immer ziemlich interessant. Die Leute denken ja nicht, dass sie jemand beobachtet. Dann verhalten die sich ganz anders, glaub' ich. Ich meine, wenn du so jemanden triffst, auf der Straße par exemple, dann weiß der ja genau, dass er nicht allein und unbeobachtet ist. Und dann verhält er sich auch entsprechend. Normal. Aber wenn du denkst, keiner achtet auf dich, dann ist das was anderes. Naja, ich zumindest mache das so. Wenn ich da so sitze und die Leute beobachte und jemand starrt mich plötzlich an, so als ob ich was Verbotenes tue... also das stört mich ungemein. Aber es sind nicht viele Leute hier und die scheinen auch alle mit sich beschäftigt zu sein. Da fühle ich mich sicher...
Da hinten kommt gerade eine Mutter mit zwei kleinen Kindern. Sie schiebt einen Kinderwagen, da wird schätzungsweise ihr drittes Kind drinnen liegen. Und da unter dem Ahornbaum, da ganz hinten neben den Birken, da sitzt ein Päarchen auf einer Decke. Sie liegen nebeneinander und starren in die Baumkrone, aber ich schätze mal die reden. Kann man nicht erkennen, aber meistens reden die doch, oder? Manchmal denke ich die Leute sollten eh viel mehr miteinander reden. Gut, das sagt der Richtige. Ich bin da wahrscheinlich kein gutes Beispiel, besonders nicht jetzt, wo ich hier alleine auf der Bank sitze und einen inneren Monolog führe. Naja, aber manchmal da denke ich auch, dass soviel geredet wird und so wenig gesagt. Ich meine jeder möchte doch mitreden, oder? In der Politik, im Beruf, privat. Auf Partys, beim Essen, in der Straßenbahn, im Kino, im Fernsehen, beim Fernsehen. Meistens sogar vollkommen unabhängig davon, ob man weiß, worüber man redet. Und dann denke ich mir, es wäre gut wenn man einfach auch mal die Klappe hielte. Naja, aber die beiden da, die reden jetzt sicher. Auch gut.

Erst jetzt fällt mein Blick auf eine andere Bank schräg gegenüber auf der anderen Seite des Parks. Da sitzt jemand. Ich kann nicht wirklich gut erkennen wer da sitzt, dazu sind zu viele Bäume im Weg. Manchmal weht der Wind die Äste ein wenig zur Seite, dann kann man was sehen.
Jetzt kann ich sehen, dass es wohl ein Mädchen ist. Sie hat lange blonde Haare, ein ziemlich sicheres Zeichen, dass es sich um ein Mädchen handelt. Gut, heute kann man da nicht mehr so sicher sein. Die Haare könnten auch gefärbt sein, ist aber ziemlich egal. Aber jetzt dreht sie sich gerade um und ich kann ihr Gesicht sehen. Eindeutig ein Mädchen. Sieht hübsch aus. Sie trägt eine Sonnenbrille.Und sitzt da auf der Bank mitten in der Sonne. Wird so Anfang zwanzig sein schätze ich mal. Bin nicht besonders gut im schätzen, aber so Pi mal Daumen kommt das schon hin.Also eigentlich schon eine junge Frau. Bis zu welchem Alter sagt man eigentlich Mädchen? Keinen Schimmer, aber ich finde einfach es klingt besser als Frau. Oder auch junge Frau. Das sagen alte Leute z.B. Im Supermarkt: „Junge Frau, können sie mir mal die Schachtel oben aus dem Regal geben?“ So in der Art. Oder Mütter zu ihren Töchtern: „Du bist jetzt eine junge Frau, also benimm dich auch so.“ Aber ich bin ja selbst noch ein junger Spund. Und ich finde, ich darf noch Mädchen sagen. Ich glaube auch nicht, dass mir das jemand übel nähme.
Irgendwas ist aber komisch an dem Mädchen, ich weiß nicht was. Aber sie ist die einzige, die da allein auf einer Bank sitzt. So wie ich. Ob sie auch die Menschen beobachtet? Möglich wär es wohl. Aber ich kann das beim besten Willen nicht erkennen. Vielleicht sollte ich ein bißchen näher heran gehen. Da ist noch eine freie Bank. Aber ehrlich gesagt, ich trau mich nicht. Wie sieht denn das aus? Wie einer, der die Leute bespitzelt. Ach, was soll's. Ich kann mich schließlich setzen wohin ich will. Und da drüben ist auch mehr Schatten. Die Sonne ist gerade hinter den Wolken hervorgesprungen. Da wird’s hier in Kürze ziemlich warm werden. Und es weht kein laues Lüftchen. Ich gehe mal einfach da drüben hin.

Ach ja, sitzt sich gleich viel angenehmer hier im Schatten. Die Bank steht am selben Weg wie die, wo das Mädchen sitzt. Vielleicht zehn Meter oder so. Aber ich sehe sie von der Seite. Ich glaub' auch nicht, dass sie mich gesehen hat. Hmm, also irgendwie sieht sie anders aus als die übrigen Parkbesucher. Ich weiß auch nicht. Irgendwie traurig. Aber es ist doch so ein schöner Tag? Ob es ihr nicht gut geht? Naja, ich kenne das. Manchmal hat man ja so Tage, da kann einen nichts wirklich fröhlich stimmen. Dann ist irgendwie alles Mist. Da kann das Wetter super sein, die Leute freundlich und so. Alles egal. Du bist traurig. Vielleicht geht’s ihr ja heute genau so. Ist ja auch normal, oder? Einfach mal traurig sein wollen. Tut ja manchmal auch ganz gut. Dann weiß man wenigstens zu schätzen, wenn man dann wieder fröhlich ist. Das eine geht nicht ohne das andere. „Wer den Schatten nicht kennt merkt nicht wenn er im Licht steht.“ Hat Oma immer gesagt. Und sie hat viele kluge Sachen gesagt meine Oma.
Hmm, sie scheint ein bißchen blass. Sitzt wahrscheinlich nicht so sehr häufig in der Sonne. Deswegen vielleicht auch die Sonnenbrille. Naja, ich hab' früher als Kind auch immer wie ein Käse ausgesehen. Jedesmal haben die ganzen Verwandten rumgewundert: „Ach, was ist der Junge blaß. Lasst ihr den denn nie an die Sonne?“ Und meine Eltern dann immer ganz verlegen, aber sie konnten halt nichts dafür. Ich war nie gerne draußen als Kind. Eher ein Stubenhocker.
Jetzt nimmt sie da etwas aus ihrer Tasche. Ich kann nicht richtig erkennen was es ist. Oh, ein Telefon. Mit wem sie wohl spricht. Vielleicht mit ihrem Freund? Möglich wär's. Sie sieht wirklich hübsch aus. Von hier noch mehr als vorhin. Ich kann nicht sehen ob sie jetzt lächelt. Nein, sie spricht zwar, aber ein Lächeln kann ich nicht erkennen. Hmm, vielleicht spricht sie mit jemandem, den sie nicht mag? Möglicherweise hat sie sich von ihrem Freund getrennt, aber er ruft sie immer noch an. Ich stelle mir das so vor. Die beiden sind getrennt und es macht ihr vielleicht ziemlich zu schaffen, weil sie ihn wirklich geliebt hat. Und sie möchte das vergessen und darüber hinwegkommen. Aber er ruft immer mal wieder an und das erinnert sie natürlich an ihn. Und dann ist sie wieder traurig. Ja, besonders froh sieht sie wirklich nicht aus. Könnte also sein. Da kann ich mitfühlen glaub' ich. Das ist schon hart. Naja, aber möglicherweise ist es auch jemand anderes. Ihre Mutter, die anruft um ihr zu sagen, dass Vater krank ist. Da wär ich auch traurig. Ob's meinen Eltern gut geht? Hab' sie schon wochenlang nicht mehr gesprochen. Vielleicht ist etwas passiert. Aber nein, dann hätten sie doch angerufen. Oder?
Naja, das denke ich mir jetzt nur so. Aber könnte ja sein. Und es ist auch niemand da, mit dem sie jetzt darüber reden könnte. Sie sitzt ja ganz allein auf der Bank. Aber vielleicht will sie ja auch gar nicht darüber reden. Ich kenne das von mir. Wenn es mir so richtig schlecht geht, dann bin ich eigentlich am liebsten allein. Nicht immer.
Manchmal ist es auch schön reden zu können. Notfalls mit mir selbst. Aber das kommt nicht so häufig vor. Hoffe ich...
So, jetzt steckt sie das Telefon wieder ein. Hmm, ja, sie sieht immer noch traurig aus. Aber nicht trauriger als vorher. Also wer weiß.
Eigentlich bin ich gar nicht so neugierig. Warum interessiert mich das Mädchen so sehr? Irgendwas ist an ihr Besonderes, aber ich weiß immer noch nicht, was das sein könnte. Gott, wenn mich jetzt jemand sieht. Die denken noch sonst was.
Jetzt holt sie irgendein Papier aus der Tasche, die sie neben sich auf der Bank stehen hat. Ziemlich groß, da geht 'ne Menge rein. Ah, sie liest. Das kann ich sehen, weil sich ihr Zeigefinger über das Blatt bewegt. Hmm, was sie wohl liest? Könnte ein Brief sein. Aber ich kann's beim besten Willen nicht erkennen, von hier aus. Nicht mal ob's gedruckt oder handgeschrieben ist. Mein Gott bin ich heute neugierig. Ist doch sonst nicht meine Art. Ob ich wohl mal rübergehen sollte? Fragen, ob ich mich zu ihr setzen darf? Ach nein, da bin ich wohl auch zu feige. Außerdem so traurig wie sie aussieht ist sie wahrscheinlich nicht auf Gesellschaft aus. Ich will ja nicht stören.
Oh, ist schon ziemlich spät. Und es bewölkt sich langsam. Könnte Regen geben. Die Sonne scheint schon hinter den Wolken in Sicherheit gegangen zu sein. Nachher gibt’s noch ein Gewitter. Ein paar Leute sind jetzt schon aufgestanden und gehen. Das Päarchen unter dem Ahorn z.B. legt seine Decken zusammen. Hui, sieht so aus als ob die sich ziemlich streiten. Auah, da fliegen die Fetzen. Sie ist ganz rot im Gesicht. Aber er scheint eher unbeeindruckt zu sein. Eigenartig. Vielleicht hat er ihr gerade einen Seitensprung gestanden. Oder so was ähnliches. Mannomann, das ist ja besser als Fernsehen. Jetzt wirft sie mit der einen Decke nach ihm. Da geht’s aber zur Sache. Jetzt entgegnet er wohl irgendwas aber er sieht dabei nicht sonderlich engagiert aus. Klatsch! Oh, falsche Antwort würde ich mal schätzen. Das hat gesessen. Da kann man sich die Schadenfreude kaum verkneifen. Hähä...
Das Mädchen schaut auch in die Richtung. Aber sie scheint sich nicht so zu freuen wie ich. Mmhh, sie muss wirklich traurig sein. War meine Theorie vorhin vielleicht doch nicht so falsch. Vielleicht kennt sie solche Situationen ja auch. Und findest's deswegen nicht lustig. Hmm, naja, wenn ich so darüber nachdenke, so lustig ist es auch gar nicht. Ich meine viele Leute streiten sich. Aber ist auch irgendwie immer doof. Man sollte sich nicht streiten müssen, oder? Ich glaube, es passieren viele traurige Dinge auf der Welt, nur weil sich Menschen streiten. Ja, Hass, Neid, Gewalt und Kriege. Meist beginnt es mit harmlosen Streitereien. Wer weiß, vielleicht waren die beiden verheiratet und jetzt lassen sie sich scheiden. Und sie haben vielleicht Kinder und der Mann muß dann Unterhalt zahlen. Und es ist ihm nicht egal, er liebt seine Kinder vielleicht, nur eben seine Frau nicht mehr. Und seine Frau ist so enttäuscht, dass sie glaubt sich nie wieder verlieben zu können. Und die Kinder sind hin- und hergerissen zwischen den Eltern. Und es gibt Besuchsregelungen per Gericht, weil die Eltern nicht miteinander reden können. Passiert ja leider fast tagtäglich. Mann, ich muß aufpassen, dass ich nicht noch depressiv werde hier auf meiner Bank. Naja, kann alles passieren. Nur wegen eines Streits.
Das Mädchen sitzt noch immer da auf der Bank. Der Wind weht leicht. Eine kühle Brise. Ich glaube, ich gehe doch mal rüber. Mensch, dass hab' ich ewig nicht mehr getan. Einfach ein Mädchen angesprochen. So unvermittelt, ohne das man sich kennt. Aber was soll's? Mehr als ablehnen kann sie nicht. Und so schlimm seh' ich ja wohl nicht aus. Also los.

„Entschuldigen Sie, hätten Sie wohl etwas dagegen, wenn ich mich zu Ihnen setzen würde.“
Sie schaut mich an.
„Aber nein, setzen Sie sich nur.“ - Ja! -
„Danke.“

Hmm, sie hat kurz gelächelt, glaube ich. Ganz sicher. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass sie irgendetwas bedrückt. Sie schaut einfach in die Leere des Parks.
„Sagen Sie, kommen sie häufiger her?“ Damit das klar ist, sie hat mich gefragt.
Ich hätte niemals...
„Nun ja, hin und wieder. Ist ein schöner Park. Und ich beobachte gern die Menschen.“
„Ahh... haben Sie mich denn auch beobachtet?“ - Ob sie mich gesehen hat? -
„Nun ja, schon. Irgendwie. Haben Sie mich gesehen?“ - Was soll man da schon sagen? -
„Nein, keine Angst.“ Sie grinst.
„Also, nicht das Sie jetzt denken... Sie sind mir nur aufgefallen...“
„Oh, nun, ich fasse das mal als Kompliment auf.“

Wir sitzen noch eine Weile nur so da. Da hinten ist die Frau mit dem Kinderwagen. Sie fährt auch aus dem Park. Der Himmel verdunkelt sich immer mehr.
Hmm, es sieht wirklich nach Regen aus. Vielleicht sollte ich auch langsam gehen.
„Es sieht ein bißchen nach Regen aus. Ich glaube, ich geh' dann mal.“
„Oh, würden Sie mich ein Stück begleitet? Ich muß rüber zur Haltestelle.“
„Gerne, wenn ich Sie nicht störe.“
Sie nimmt etwas aus ihrer Tasche. Jetzt kann ich einen gelb-schwarzen Anstecker an ihrer Jacke erkennen.
„Wissen Sie, es ist für mich nicht so einfach, mich hier in der Gegend zurechtzufinden. Ich wohne noch nicht lange hier.“
Sie faltet einen Stock auseinander und steht auf. Ich stehe ebenfalls auf. Und nehme ihre Hand.
„Kein Problem, die ist da drüben. Ich bringe Sie hin.“
„Danke.“ Da plötzlich geht laut zankend das Päarchen vom Ahornbaum an uns vorbei.
„Uiuiuih, die fetzen sich ganz schön.“
„Ja, hört sich ziemlich fies an.“ Sie lächelt.
„Sie hätten mal sehen sollen, wie die sich vorhin da drüben unter dem Ahorn... Oh, entschuldigen sie...“ - Das Fettnäpfchen war meines! -
„Nein, kein Problem. Erzählen sie's mir!“ Sie lächelt mich an.
„Ok, auf Ihre Verantwortung. Ich bin ein schrecklicher Geschichtenerzähler, wissen Sie...“
„Lass aber um Gottes Willen dieses dumme 'Sie' weg. Ich heiße Monika. Und du?“
„Ich bin Kris. Schön dich kennenzulernen.“ Sie lächelt noch immer. Sie hakt sich bei mir unter und wir gehen los.
„Also pass auf, das war so...“

An manchen Tagen ist es ganz gut, dass man nichts mit sich anzufangen weiß.

geschrieben am 15.05.2005 in ca. 3 Stunden (c) JHE

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