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Interpretationen

Männerprobleme


Fight Club ist einer der wenigen Filme, die sich speziell mit den Problemen von Männern in der heutigen Welt auseinandersetzen. In einem Interview bestätigt der Autor der Romanvorlage, Chuck Palahniuk: „I was told that 85% of all fiction sells to older middle-age woman. 85%, my God! I just felt like I was really cutting my throat to write a book that wasn't about an older middle-age woman to fall in love. Somehow I knew there wouldn't be a market for it, but what else am I going to write. I think it's more important to write something that brings men back to reading than it is to write for people who already read. There's a reason men don't read, and it's because books don't serve men. It's time we produce books that serve men.“
Genau diesen Anspruch erhebt unzweifelhaft auch der Film. Es gibt im gesamten Film nur eine Frauenrolle, die von Bedeutung ist: Marla Singer. Sie stellt möglicherweise den Aspekt des gesamten männlichen Problemspektrums dar, der mit Frauen zu tun hat, allerdings ist ihre Funktion wohl primär der Auslöser und auch die Auflösung der Trennung zwischen Jack und Tyler. Sie ist die einzige, die Jack/Tyler so nahe steht, dass sie beide Charaktere kennt und auch von einander unterscheiden kann, selbst wenn ihr vielleicht nicht klar ist, dass es sich um eine gespaltene Persönlichkeit handelt. Sie fühlt sich zumindest von ihm ungerecht behandelt, doch trotzdem ist sie immer wieder da.
Darüberhinaus stehen aber andere Probleme von Männern ganz klar im Vordergrund. Durch die Gründung des Fight Clubs finden zahlreiche Männer ein Ventil um ihren Frust, ihre Enttäuschung und ihren Hass in Form von Gewalt zu verarbeiten. Sie fühlen sich nach dem Kampf besser. Außerdem geht es um eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl, dass offenbar in der normalen Welt abhandengekommen ist und im Fight Club wieder aufersteht.
Schon zu Beginn des Filmes wird ein klarer Fokus auf spezielle Problemsituationen von Männern gelegt. Jack ist es, der zunächst unter Schlaflosigkeit leidet. Der Arzt kann oder will ihm nicht helfen und er ist ein Opfer einer Yuppiebewegung was stark visuell über die Einrichtungsweise seiner Wohnung mitgeteilt wird. Jacks Leben besteht aus einem ständigen sich zurücknehmen, seine Probleme verinnerlichen und möglichst nicht nach außen tragen. Erst in einer Kultur außerhalb der 'normalen' Welt findet Jack eine Form von Erlösung, auch wenn sie nicht lange anhält. Das sind die Selbsthilfegruppen. Dort befindet er sich zum Beispiel unter Opfern von Hodenkrebs, ein weiterer Bezug zu eindeutig männlichen Problemszenarien. Allerdings kann der Umgang in diesen Gruppen, dass wird im Verlauf auch in den anderen Gruppen gezeigt, die auch oder besonders von Frauen besucht werden, als eher unmännliche Problemlösung aufgefasst werden. Man redet, es wird geweint und man spricht über Gefühle, hört sich gegenseitig zu. Alle diese Vorgänge stehen nicht unbedingt für ausgesprochen männliche Rituale sondern eher für das Gegenteil. Deswegen scheitert diese Lösung auch schon bald und das Versagen dieses Konzepts für Jack wird in Marla Singer personifiziert. Erst als Jack mit Tyler den Fight Club gründet, scheint das eine anhaltende erlösende Wirkung für Jack zu haben.

Tyler ist Jack ist Tyler


Tyler ist, wie wir erst gegen Ende des Filmes eindeutig erfahren, ein dunkler Teil, das unangepasste, subversive Gegenstück zu Jack. Psychoanalytisch läßt sich relativ eindeutig feststellen, dass sich alle von Jack möglicherweise unterdrückten und verdrängten Gefühle, die Unzufriedenheit, die Angepasstheit an seine Umwelt in der Figur Tyler invertiert haben. Tyler ist eine Führungspersönlichkeit während Jack sich anleiten läßt und kaum Verantwortung übernimmt. Tyler raucht, Jack nicht. Jack ist Teil der Yuppie Generation, die jung, dynamisch und erfolgreich ist. Tyler ist durchaus auch dynamisch und erfolgreich, aber ohne dabei auf vordefinierten Pfaden zu bleiben, er weicht ab, bricht aus und bringt letztendlich ja auch Jack dazu, es ihm gleich zu tun. Tyler ist sehr wahrscheinlich schon immer im Unterbewußtsein von Jack vorhanden gewesen und er hatte ihn unter Kontrolle. Aber schon zu Beginn des Filmes sehen wir durch die kurzen EINBLENDUNGEN von Tyler in einigen Szenen, dass sich Tyler freizukämpfen versucht. Auch rein optisch ist der Gegensatz offensichtlich. Tyler ist größer als Jack, eleganter und zugleich individueller gekleidet und wirkt auf Anhieb selbstbewußt und tough. Wir wissen nicht genau wie lange Tyler schon in Jack zutage tritt, als er ihm, für den Zuschauer zum ersten mal offensichtlich, im Flugzeug begegnet. Möglicherweise begründet sich Jacks Schlaflosigkeit schon zu Beginn des Filmes durch nächtliche Aktivitäten von Tyler wie z.B. den Jobs, mit denen er Tyler später vorstellt. Es scheint offensichtlich, dass Tyler durchaus schon längere Zeit 'aktiv' gewesen ist, bevor Jack ihn wahrnimmt. In dieser Zeit hat er vielleicht unbemerkt ein Doppelleben geführt.
Faszinierend zu sehen ist, dass Jack durch Tyler offenbar dazu gebracht wird, seine Wohnung in die Luft zu jagen. Dafür finden sich zahlreiche Hinweise im Verlauf des Filmes, so erklärt Tyler Jack in ihrem ersten Gespräch, wie man Napalm herstellt. Die Ermittlungen der Polizei zeigen dann auf, dass es keine dritte Person gibt, die dafür verantwortlich gemacht wird und während des letzten Telefongespräches kommt auch Jack der Gedanke, dass man offenbar ihn selbst verdächtigt. Klar wird ihm – und auch dem Zuschauer, der das Geschehen bis zu der Szene im Hotelzimmer augenscheinlich durch die Augen von Jack wahrnimmt - das alles allerdings erst mit der Offenbarung von Tyler.

Gesellschaftskritik


Der Film übt teilweise sehr scharfe Kritik am bestehenden Gesellschaftssystem bzw. an dem, was die Gesellschaft aus den Menschen zu machen scheint. Teilweise wirkt es aber auch wie eine überzogene Darstellung von praktiziertem Totalitarismus. Jack steht stellvertretend für einen Mann (und wie schon erwähnt ist diese Tatsache essentiell für die Interpretation des Filmes), der sich so sehr in seine Umwelt integriert, dass er alles Eigene aufgibt. Er ordnet sich in der Arbeitswelt unter, er läßt keine Schwächen erkennen. Beruflich ist es im Grunde seine Aufgabe, den Wert von Menschenleben zu taxieren, indem er errechnet (nicht selbst entscheidet, er wendet lediglich „die Formel an“) ob die Kosten für eine Rückrufaktion die Kosten für die individuellen Unfälle übersteigen. Schon allein dies steht für eine Gesellschaft, in der der einzelne nichts ist als eine Zahl, ein Rädchen im Getriebe oder wie auch immer die Person eingesetzt wird. Jack selbst ist nicht nur im Job sondern auch privat eingesperrt: Er vegetiert zwischen den tollen Ikea Lifestyleideen vor sich hin, die ihm von der Werbung eingeimpft werden, bis er es selbst glaubt (Wohnst du noch oder lebst du schon?), in einem Apartmenthaus das mit dem Spruch „a place to be somebody“ wirbt. Er selbst stellt während er die Überreste seiner Wohnung inspiziert fest, dass er nur Gewürze in seiner Wohnung hat aber nichts zu essen. Jack ist zudem kein besonders individualisierender Name. Im Buch, so erfährt man aus einem Interview, hat der Protagonist gar keinen Namen, er steht also quasi als Figur für irgendeinen wahllos aus der Masse gelösten Charakter, irgendeine Nummer aus irgendeiner Liste und präsentiert ein Leben wie es millionenfach gelebt wird, standardisiert, bestimmt durch Konventionen, von denen man nur in der Dunkelheit, hinter vorgehaltener Hand, abzuweichen wagt (immer wenn man Jack in den Selbsthilfegruppen sieht oder später im Fight Club ist es Nacht und es spielt an verlassenen, unwirtlichen Orten, auch das Haus wo Tyler/Jack dann lebt wird so gezeigt).
Nicht zuletzt ist es auch Tylers ultimative Motivation für Projekt Chaos, das System gegen sich selbst zu richten und subversiv zu unterlaufen. Er verkauft Seife, die er aus dem Fettabfall von Schönheitskliniken herstellt. Er arbeitet als Kellner und „verschmutzt“ das Essen, dass er serviert. Und er schneidet Bilder von Geschlechtsteilen in Kinderfilme. Dies alles sind kleine, meist unbemerkte Aktionen, die aber eindrucksvoll die Starre und Sinnlosigkeit einer Welt präsentieren deren verkrustete Strukturen nicht in Frage gestellt werden. In dem ultimativen Plan die Finanzzentren der Welt zu vernichten um alle Schulden verschwinden zu lassen gipfelt dieses Handeln. Allerdings werden die Gründe für Tylers Weltsicht nie ganz klar und im Endeffekt ist auch die durch den Film geäußerte Kritik sehr vage und stellenweise oberflächlich. Möglicherweise ist dies aber durchaus beabsichtigt und behandelt das unbestimmte Gefühl bzw. den Glauben daran, dass irgendetwas nicht stimmen kann ohne das man genau festzustellen vermag, was das ist. Letztendlich wirft der Film sehr viel mehr Fragen auf als er beantworten kann (oder will). Das hinterläßt einen unbefriedigenden Eindruck beim Zuschauer (auch nach mehrfachem Sehen und trotzdem Sekundärquellen einbezogen werden) aber genau das ist möglicherweise die Absicht des Autors bzw. des Regisseurs.
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