YodaWiki : ChapterTwo

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2. Kapitel

2. Kapitel

Noch auf dem ganzen Weg nach Hause las Jack in dem Buch, während er sich parallel dazu über die seltsame Begegnung in der Bibliothek wunderte. Möglicherweise war es auch der Hitze anzulasten, dass er aus beidem nicht so recht schlau wurde. Offenbar hatte ihm sein Vater da ein sehr wertvolles Buch überlassen. Ob er das gewußt hatte? Er, der doch nun gar nichts von Computern hielt, sollte dieses Buch kennen?
Aber was war mit den Andeutungen, die er gemacht hatte. Er musste zumindest gewusst haben, wovon das Buch handelte. Und dieser komische Typ? Was für ein Zufall, dass er das Buch ebenfalls zu kennen schien. Was war von ihm zu halten?

Jack war sich nicht sicher. Das war zweifellos das Eigenartigste, dass ihm passiert war, seit er hier angekommen war. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem er sich immer unsicherer wurde, was er eigentlich hier wollte. Vor nicht ganz 10 Monaten waren sein Ziele noch ganz klar gewesen, er hatte genau gewußt was er wollte. Jetzt, nachdem er sich an die Stadt, die Umgebung und alles gewöhnt hatte, sein Leben allein durchzog, mehr oder weniger auf sich selbst gestellt war und selbst Entscheidungen traf, war er sich überhaupt nicht mehr sicher, worauf er eigentlich hinaus wollte. Was hatte er zu wollen, was nicht? Welche Ziele lohnte es sich zu erreichen und zu welchem Preis? Waren es wirklich seine Ziele oder gab man sie ihm einfach vor?
All dies schwirrte ihm jetzt schon Monate durch den Kopf und es wollte sich einfach keine Ordnung, kein Klarheit einstellen. So hatte er dann einfach beschlossen einfach das weiter zu machen, was er schon begonnen hatte, solange ihm nicht deutlich war, was die Alternative sein sollte. Und ob er sie auch wirklich wollte.
Als er von Hause fortging wollte er eine Grenzen überschreiten, eine Physische, überschreiten und sehen was dahinter ist. Nun merkte er langsam, daß er auch Grenzen in seinem Kopf gab. Viele davon von Anderen gesetzt, aber von ihm selbst akzeptiert oder bisher nie in Frage gestellt. In seinem Philosphiekurs - einer der Kurse, die er nur so zum Spaß besuchte - hatte der Dozent das Leben einmal mit einer Packung Malstifte verglichen. Jeder Mensch hat unterschiedlich viele Stifte um sein Leben auszumalen. Es gibt Ränder, diese kann man übermalen oder nicht, man kann alle Farben benutzen, die man hat, oder nicht. Letztendlich ist jedes Leben einzigartig und es gibt im Grunde keine Regeln, wie es auszusehen hat.

Jack hatte diesen Gedanken nicht sofort verstanden, aber langsam dämmerte ihm, was das eigentlich bedeutete. Das hatte ihm eine Fülle neuer Möglichkeiten aufgezeigt. Doch er mußte Entscheidungen treffen. Vielleicht war es ander Zeit noch mehr Grenzen einzureißen. Und über den Rand zu zeichnen. Waber mit welcher Farbe?

Gedankenverloren schlenderte er vom Bahnhof in Richtung Studentenwohnheim.

. . .

Am Abend hatte sich Jack mit seinen Mitbewohnern für ein virtuelles Konzert verabredet. Die virtuelle Location nannte sich "Club MC" und Jack war noch nie zuvor dort gewesen. Als er es sich auf seinem Bett gemütlich gemacht hatte, leuchtete auf seinem EyeScreen - eine kleine Lasereinheit, die Bilder direkt auf die Netzhaut projizierte - schon eine Nachricht auf:

"Sind schon im Club. Bis gleich!""

Ein kleines Icon verriet, dass der Nachricht eine virtuelle Location als Lesezeichen angehängt war. Jack ärgerte sich etwas, daß die Anderen schon ohne ihn losgegangen waren. Er wollte noch schnell einen Blick in die E-Mails in seinem virtuellen Büro werfen und hatte gehofft sie würden sich online treffen und zusammen losziehen. Whatever, mit dem Lesezeichen konnte er sich einfach an Ort und Stelle teleportieren lassen, ganz ohne simuliertes Herumwandern. War zwar praktisch, verdarb einem aber jedes Orts- oder Raumgefühl im V-Life. Manche Orte waren tatsächlich hunderte von virtuellen Kilometern voneinander entfernt, aber es bedurfte nur eines Augenzwinkerns um die Strecke zu überwinden. Darum war im Grunde alles nebenan. Zugegeben, nicht alle konnten diesen Luxus in Anspruch nehmen. Weniger privilegierte V-Life-Nutzer mussten tatsächlich mit virtuellen, öffentlichen Verkehrsmitteln diese Strecken in Echtzeit überwinden. So erzählte man sich zumindest. Den Studenten standen aber ein begrenzte Anzahl von Teleports zur Verfügung, außerdem bekam jeder sein virtuelles Büro. Raum in der Virtualität kostet nicht viel, im Grunde nur ein paar hundert Megabyte auf irgendeinem Datenträger und Eletrizität. Beides erschwingliche Güter.
Durch sie produzierte man eine virtuelle Welt, vielfach größer als die tatsächliche Welt und in vielen Belangen doch genau so unvollkommen.

Es war noch nicht lange her, dass man aus der überwiegend zweidimensionalen Darstellung (dreidimensionale Körper bestanden aus möglichst wenigen flachen Polygonen, diequasi keine Tiefe hatten) auf dreidimensionale Körper mit virtuellem Volumen umgestellt hatte. Realistischere Darstellung versprach man sich davon. Und man hatte auch mit echten physikalischen Gesetzen experimentiert. Aber zu viele User hatten sich wohl beschwert nicht mehr einfach durch andere Avatare hindurch laufen zu können. Mit Wänden war das offenbar weniger gewöhnungsbedürftig.
Also war die Regel geändert worden: Avatare blieben durchlässig, entsprechend konfigurierte Wände nicht.
Auch virtuelles Wetter gab es seit kurzem: Lauter Regen trommelte deshalb jetzt gegen das Glas des Bürofensters. Klang täuschend echt und sah auch so aus. Nur nass werden konnte man nicht. Die dafür notwendige Kollisionsabfrage wäre einfach zu aufwändig, würde man sie für jeden einzelnen Avatar separat berechnen. So fiel das Wasser einfach vorbei. Die meisten Leute störte das wenig, man hätte es ja eh nicht gespürt. Aber sie mochten die Atmosphäre.

Atmosphäre fand Jack auch im "Club MC" vor. Er teleportierte sich mitten in eine Gruppe von Avataren, die wohl auch gerade angekommen waren, die eine Hälfte bestand aus hochwertigen, scharfen, humanoiden Girlavataren der offenherzigen Sorte, so knapp angezogen, dass sie wahrscheinlich aus den offenen Bereichen von V-Life verwiesen worden wären. Aber dieser Ort war ab 18 und damit war jeder Aufzug erlaubt. Die andere Hälfte war ebenfalls nur notdürftig bekleidet, ihre Avatare waren aber Felltiere mit aufwändig gerenderten Haarsimulationen. Man konnte nur mutmaßen, aber das waren entweder die für den Abend engagierten Animateure, welche für die gewisse "Atmo" sorgen sollten, oder einfach ein Gruppe von Geeknerds, die heute mal die Sau rauslassen wollten. Erscheinung bedeutete hier im Grunde alles und nichts. Jeder konnte sich seinen Avatar frei gestalten und wahlweise aussehen wie eine Sexbombe, Fantasycharaktere oder eben auch Mensch-Tier-Mischformen. Früher waren sogar Gegenstände und Fahrzeuge möglich gewesen, aber das hatte man mit der Zeit untersagt.

Jack sah aus wie er selbst, hatte sich aber einen seiner fetzigen Anzüge aus dem virtuellen Kleiderschrank gefischt. Für diese Veranstaltung, so merkte er schnell, war das aber wohl doch eher mittelmäßig. Sei's drum. Jack machte sich auf die Suche nach seinen Freunden. Während er sich durch das Avatargemenge wühlte, kamen immer mehr Leute dazu. Offenbar zogen die Wände sich automatisch auseinander, so daß selbst bei einer unüberschauberen Menge von Leuten genug virtueller Raum vorhanden war, damit man sich nicht bedrängt fühlte. Jacks Freunde standen an der Bar. Gee war aus dem Urlaub zugeschaltet, er hatte offenbar auch die schicke Abendgarderobe herausgekramt. Im Gegensatz zu Reed und seiner Freundin Mel, deren Avatare ein bißchen aussahen, als kämen sie just vom Christopher Street Day.

"Hey Gee, sieht so aus, als wären wir die einzigen hier mit modischem Geschmack." Geoffrey grinst Jack an ;-).

"Hi Reed, hallo Mel. Wie geht's euch?"

"Ziemlich gut, ein bißchen erschöpft vielleicht, war ein harter Tag." Jack konnte sich denken, warum.

"Und wegen der Hitze." Aber sicher...

... [we're going to meet Leech again here]

(the brick walls are there to stop the other people, who don't want it badly enough!)

Das Konzert war ziemlich cool, die Musik sowieso, wenn man derlei Oldies mochte und Jack hatte eigentlich schon immer was für populäre Musik aus den 1990'ern übrig gehabt. Aber darüberhinaus hatten sie auch eine richtig coole Show ausgetüftelt, beeindruckende Grafikeffekte. Man fühlt sich richtig zurückversetzt, wenn längst verstorbene Künstler die Bühne betreten.

Jetzt wurde es langsam wieder ruhiger, viele der Eventgäste hatten sich schon wieder auf den Weg gemacht - man darf nicht vergessen, dass die nächste Show üblicherweise nur eine Klick entfernt war - und es war nicht mehr ganz so voll im MC. Die Wände waren wieder ein Stück zusammengerückt und die Atmosphäre etwas intimer. Reed und Mel waren schon weiter gezogen, in einen anderen Club. Wahrscheinlich irgendwo, wo Sex nicht deaktiviert war, denn selbst auf den Toiletten hier war es nicht möglich die entsprechenden 'Funktionen' zu aktivieren.

Jack und Geoffrey saßen noch an der Bar.

"Und wie ist der Urlaub so?"

"Sehr schön, die Temperaturen sind wohl so wie bei euch -grinst- aber wenn man den Tag am Pool verbringen kann, macht einem das wenig aus. Ein paar Tage ausspannen, das hat mir wirklich gefehlt."

"Ja, wenn ich könnte würde ich auch mal richtig abhauen hier..."

"Mmmh, I see. Ich hab' vorhin mit Reed gequatscht, er meinte du spielst mit dem Gedanken zu wechseln?"

"Naja, du weißt ja selbst wie's gelaufen ist bislang."

"Nicht so toll, ich weiß. Aber vielleicht sähst du einfach auf dem falschen Feld."

"Meinst du? Ich weiß nicht, ich hatte mir nie die Möglichkeiten vor Augen gehalten. Mein Ziel lag mir klar vor Augen, bevor ich hierher kam. Aber jetzt... Ich habe das Gefühl, ich verstehe erst jetzt, worauf ich mich eigentlich eingelassen habe. Verstehst du?"

"Na du weißt ja, wie es bei mir gelaufen ist. Drei Wechsel. Und jetzt bin ich ganz zufrieden... " - reißt die Arme auseinander und lacht - " ... und sie können das auch schaffen!"

Die beiden lachen laut auf, während eine sehr bourgoise(?) Dame mit auffälliger Sonnenbrille an ihnen vorbeistelzt.

"Ach ja, wenn es doch nur so einfach wäre. Meine Eltern sehen das nicht ganz so locker wie deine. Ich weiß nicht, wie ich ihnen das beibringen soll."

"Mein Freund, du mußt dir erstmal darüber im Klaren sein, was DU willst. Alles andere ist dabei nebensächlich. Wenn du überzeugt bist, das du das richtige tust, kannst du auch alle anderen überzeugen."

Jack schwieg. Der Gedanke schien ihm gar nicht falsch. Trotzdem hatte er Schuldgefühle. Er warf einen Blick in die Runde. Die auffällige Frau saß zwei Hocker weiter an der Bar und bestellte irgendeinen Drink. Vollkommen sinnlos eigentlich, bis auf die Animation hatte man ja nichts davon.
Sie wirft ihm einen Handkuss zu. Sie fällt auf, denn sie hat den einzigen Avatar im Raum, der keine Modelmaße hat. Naja, Model vielleicht schon, aber nur für Mollige.

Geoffrey wirft einen Blick auf seine Uhr.

"Oh, ich befürchte ich muss gehen, ich habe da noch ein Date mit einem Mädel in der echten Welt. Man soll die Zeit ja nutzen und so ein kleiner Urlaubsflirt hat ja was."

"Na dann, viel Spaß noch."

"Machst gut, Alter."

Geoffrey steht auf und geht ein paar Schritte. Dann bleibt sein Avatar plötzlich steif stehen. Zunächst weicht die Farbe, dann die Konturen und eine Sekunde später ist er verschwunden. Ausgeloggt.

Jack bleibt an der Bar, wirft einen Blick in die Runde, scheinbar immer noch hunderte von Leuten, aber niemand der ihm bekannt ist. Im OSD checkt er die Buddies, doch da scheint gerade niemand online zu sein, den er kennt.

"Na Süßer, willst du einer Dame nicht einen Drink ausgeben."

Das hatte gerade noch gefehlt. Wie in einem schlechten Film Noir. Er dreht sich um und hinter der auffälligen Sonnenbrille von vorhin scheinen ihn zwei rote Pupillen zu mustern. Jack zögert.

"Nicht? Na, dann lade ich dich ein. Was trinkst du?"

"Ziemlich egal, schmeckt ja eh alles gleich."

Aus dem Gesicht, das etwa wie Mitte 20 aussieht aber eben etwas aufgedunsen, schlägt ihm ein neckisches Lächeln entgegen.

"Ganz recht Kleiner, was soll's. Barkeeper! Zwei Whiskey. Und wie fandest du das Konzert."

"Ich hab' mich gut unterhalten, mag die Musik ganz gerne. Und sie?"

"Oh, na das war doch meine Zeit! Ich hab' viele der Künstler von heute abend noch persönlich erlebt. Ist immer wieder ein Fest, sie noch mal live spielen zu sehen."

Langsam wurde es Jack langweilig und er schaute auf die Uhr. Er 'trinkt' den Whiskey.

"Entschuldigen sie mich, aber ich hab' noch dringend was zu erledigen. Vielen Dank für die Einladung und einen schönen Abend noch."

Jack erhebt sich von seinem Hocker. Plötzlich hält die Frau ihn an einem Arm fest. Jack erschrickt, weil das eigentlich gar nicht möglich sein sollte, immerhin ist es ein virtueller Arm.

"Junger Freund, vergesst nicht: Dies alles ist nur Schein. Aber glaubt mir, ich kenne euch und ich weiß, wie ihr euch fühlt. Ihr steht vor wichtigen Entscheidungen. Es werden euch neue Wege aufgezeigt, aber ihr müßt entscheiden wo es lang gehen soll. Geht mit offenen Armen durch die Welt und sucht nach den Wahrheiten hinter der Fassade."

Dann läßt sie ihn los, steht auf und verschwindet hinter den anderen Tischen.
Jack ist mehr als überrascht. Würde sein Avatar nicht nach ein paar Sekunden Untätigkeit beginnen, eigene Bewegungen zu machen, er stünde starr in der Gegend herum. Dann loggt er sich aus.
Er grübelt noch kurz über das Ereignis nach, schüttelt dann aber den Kopf und vertieft sich in das Hacker-Buch.


main page
characters: Jack, Leech, Father Tecks, Tridia, StoneFox
scenes: Der Anfang, Inside a rotten building, Es hat geregnet, Leech auf der Flucht, Leech in "Matrix Corner"
close-to-ready: Prolog, ChapterOne
glossar: CSB, LeechsInterface, Hacker, HackerKernel, Corp10


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