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"Die Fahrkarten bitte!"

Na, das hatte ja gerade noch gefehlt. Ausgerechnet jetzt war auch noch ein Kontrolleur im Bus. Ausgerechnet heute. Sowas...

-Er schüttelt den Kopf.-

Naja, der konnte ja kaum wissen, dass ich heute hier mit dem Bus fahre. Früher, da wurde ich ziemlich oft kontrolliert, regelmäßig eigentlich. Aber da bin ich ja auch regelmäßig mit Bus oder Bahn gefahren. Da wohnte ich ja noch hier. Aber das letzte Mal liegt schon lange zurück. Viele Jahre. Aber jetzt bin ich wieder da. Wieder zurück. Manche würden es wohl einen ungeheuren Zufall nennen, dass man da gleich auch noch kontrolliert wird. Aber ich glaube nicht an Zufälle. Es ist schließlich auch kein Zufall, dass ich jetzt wieder hier bin. Eine lange Kette kausaler Zusammenhänge in der jedes Ereignis von einem anderen bedingt wird hat dazu geführt, dass ich heute hier bin. Wieder hier, wo alles angefangen hat.

Die Strecke ist mir nur zu gut bekannt. Ich kenne die Haltestellen noch fast auswendig. Es sei denn sie haben den Fahrplan geändert. Moment...: Pappelstraße, Kritzmannstraße, Bördegarten, Einkaufszentrum, Hans-Grade-Straße, Krankenhaus, Kloseweg Endstation... ja, so war das zumindest damals. Früher als man noch in Mark bezahlte.
Ich kann mich noch erinnern, wie ich das erste Mal hier mit dem Bus fuhr. Mit Mutti zusammen. Damit ich wußte wie ich in die Schule komme. Ein Mal sind wir die Strecke zusammen gefahren. Und dann bin ich sie ganz allein gefahren. Zunächst war mir ein bißchen mulmig. Aber das ließ schnell nach. Immerhin fuhr ich die Strecke dann über 8 Jahre. Immer dieselbe Strecke. Morgens hin und nachmittags zurück.

Vieles hat sich verändert während der 8 Jahre. Zunächst mal wurde das Einkaufszentrum gebaut. Ein riesiger Bau. Als es nach ein paar Monaten fertig gebaut war, benannte man kurzerhand die Haltestelle um. Vorher hatte sie Holzweg geheißen oder so ähnlich. Tja, und dann konnte man im Winter, wenn es früh noch dunkel war, die tolle Leuchtreklame sehen. Was waren wir damals gespannt auf den ersten Toys'R'Us. In unserer Nähe! Da machte es riesig Spaß morgens mit dem Bus in die Schule zu fahren. Das hat eigentlich nie nachgelassen. Wenn Schnee lag und alles winterlich kalt glitzerte machte es fast am meisten Spaß. Oder wenn dann zum Frühjahr oder im Herbst die Sonne aufging während man unterwegs war. Manchmal habe ich den Bus verpasst aber das war nicht so wild, weil ich eh immer einen Bus zu früh fuhr. Damit ich ein bißchen Luft habe. Es klingt zwar wie ein Streber, aber ich war nie zu spät. Manchmal fuhren andere aus der Schule auch im selben Bus. Und manchmal machten wir den ein oder anderen Umweg. Im Winter konnte man sich in in paar Bussen auf den Platz nahe dem Heißluftgebläse setzen. War man sofort wieder aufgetaut. Und im Sommer rissen wir dann sämtliche Fenster auf. Heikel war es nur, wenn der Bus zur Mittagszeit überfüllt war. Dann kam man schon mal ins Schwitzen.

Man kommt sich ein bißchen vor wie ein Heimkehrer. Jemand der lange im Krieg war und dann wieder nach Hause kommt und alles hat sich verändert. Und man steht draußen vor der Tür. Wie bei Borchert. Man sieht alles und erinnert sich wie es früher war. Aber jetzt ist man nur noch Besucher. Und schaut von draußen zu. Man ist nicht mehr dabei. Man wundert sich. Aber man gehört nicht mehr dazu. Nur noch zu Besuch. Lange nicht hier gewesen.

"Dürfte ich bitte ihre Fahrkarte sehen?"

"Aber sicher. Bitte."

Sicher kann er die sehen. Ist aber nur ein Einzelfahrschein heute. Keine Monatskarte wie früher. Eine zeitlang haben wir die sogar von der Schule gesponsert bekommen. Gibt's das heute überhaupt noch?

"Die ist aber nicht entwertet."

"Oh, tatsächlich. Tut mir leid. Ich hab's einfach vergessen. Bin schon lange nicht mehr hier gewesen, wissen sie?"

Woher sollte er auch. Sieht so aus als macht er den Job noch nicht sonderlich lange...

"Mmmh... ich drücke noch mal ein Auge zu. Dieses Mal. Entwerten sie den Fahrausweis und vergessen sie es beim nächsten Mal nicht." "Natürlich... So. Herzlichen Dank."

Hab' ich doch tatsächlich vergessen, das Ticket zu stempeln... Naja, früher die Monatskarten hab' ich nur unterschreiben müssen, aber selbst das habe ich oft vergessen... Muß einen wirklich guten Tag haben, der Kontrolleur. Früher ham' die einen nicht einfach so in Ruhe gelassen. Ist aber vielleicht auch nur ein Zeichen, daß ich älter geworden bin. Viel älter. Wie alles hier. Der Minigolfplatz zum Beispiel.
Komplett zugewachsen. Und da hinten der Kinderspielplatz. Ich weiß noch, als der gerade neu gebaut worden war, da gab es eine ziemlich coole Rutsche, aber in der Kurve hat's die Kinder immer rausgeschleudert. Man hat dann festgestellt, dass die vom Bau sich mit dem Winkel vertan hatten. Und dann war das Vieh erstmal wieder gesperrt, bis die das ausgebügelt hatten. Bei den alten DDR-Rutschen ging es halt immer nur gerade runter...

...

Jetzt müsste da rechts das Einkaufszentrum kommen. Gleich um die Ecke. Früher war da ja einfach freies Feld. Soweit das Auge reichte. Und dann ging alles ganz schnell: Plattmachen, Baustelle, ein riesiges Loch und ein paar Monate später stand dann dieses Ding da umgeben von tausenden, kostenlosen Parkplätzen. Das wurde extra hervorgehoben: kostenlos! Damals wußten wir ja auch noch nicht, dass im Laufe der nächsten Jahre jeder halbwegs vernünftige Mensch, der einen Fetzen Land besaß auf dem sich ein Auto unterbringen ließ, erstmal Geld dafür kassieren würde. Kannte man bis dato eher nicht. Und das war ungünstig. Denn das erste, was viele Leute sich Anfang der Neunziger in Osten erstmal anschafften waren: neue Autos. Der Trend ging zum Zweit- und Drittwagen. Aber wo hinstellen während des Einkaufens? Natürlich auf einen kostenlosen Parkplatz. Schon toll wie es da plötzlich für jedes Problem eine Lösung zu geben schien...
Auch, wenn man sich z.B. gar kein Auto leisten konnte. Lösung: Auf Kredit kaufen. Auf Pump. Oder um es euphemistischer auszudrücken: "Finanzierung". Plötzlich konnte man alles finanzieren. Fernseher, Computer, Stereo-Anlagen, Häuser. Solange man nur einen Job hatte.
Ironie des Schicksals: Genau den hatten viele bald nicht mehr. Aber dafür ja Autos, Fernseher und Stereo-Anlagen.

Da geht es hin. Jetzt sieht man hier nur noch freies Feld. Aber auf der linken Seite kommen die altbekannten Betonblocks in Sichtweite. Platte. So nannte man die Wohnblocks aus Fertigbauteilen. Alle nach demselben Schema zusammengebaut, alle in phantasielosen geometrischen Ordnungen platziert. Alle in langweiligem Grau. Gute alte Platte. Meistens so um die sechs Stockwerke hoch. Aber immerhin die modernste Wohnungen seinerzeit. Obwohl es vielleicht von außerhalb wie ein Gefangenenlager anmutet. Heute sind die Blöcke bunt, viele wurden um ein paar Stockwerke gekürzt oder sind Doppelhäusern gewichen. Manche mit Terrasse. Manche mit neuen Balkons oder Gärten im Hinterhof. Manche auch nur mit Aufzügen. Manchmal klaffen auch nur weite freie Flächen wo früher mal die Plattenbauten standen. Naja, immer noch besser...


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